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| ..:: DIE ZEHN WANDERGEBOTE ::.. 1. Bevor du dich auf den Weg machst, stell dir die Frage: Wozu? - Obwohl der Weg wichtiger sein kann als das Ziel.Der Trieb wahre und tiefe Erkenntnis und zugleich den Sinn des Lebens in den Bergen zu finden, läst uns die Wanderroute betreten - dies und vieles mehr. In der Ruhe des Zuhauses greifen wir zum Regal, um die Lyrik den Bergen zu vertiefen. Der Instinkt zwingt uns, ein Stift, ein Pinsel, eine Kamera zu ergreifen, um die Seiten und Kisten voll zu füllen. Und dann gehen wir noch mal los, um die Gefühle und das Wissen abzuholen. Durch unser Bewusstsein fließen die Bilder wie die stürmischen Bäche: ein faszinierender Wirrwarr aus Steinen, Kreuzen oder Hütten; die Flammen der Feuer in den Herden und Kaminöfen der Hütten; die in Verwunderung erstarrten Rehe, Hirschkühe und Eichhörnchen. Heuduft gemischt mit Sonnenschein und den weit entfernten, so geheimnisvollen Gipfeln. Die gesamten Worte, Gefühle, Menschen und Ereignisse bilden die bunten und von der Frische überfüllten Sagen und Mythen der Berge. Die Träume, die unbemerkt in einem hohlen Stamm einer Kiefer oder in der schimmernden, über den Wanderweg ausgestreckten Spinnenwebe dösen - die braucht man nur zu finden und den Leuten zurück zu geben, und wie die Kerzen auf dem Wandereraltar anzuzünden.2. Stell dir solche Ziele, die du nicht erreichen kannst: wenn du sie erreichst - überschreitest du deine Grenzen. Wenn nicht, wirst du die immer anstreben.Jeder von uns hat einen Berg, der immer in seiner Erinnerung lebt, sogar wenn wir den nicht mehr besteigen oder nicht mal sehen können. Von jenem Berg erstreckt sich der Ausblick auf all die Orte, wo wir nicht waren und nicht mehr sein können, und all das, was wir nicht mehr erreichen. Auf dieser Welt, um uns herum, ist immer noch ein stilles, unbekanntes Tal, bewachsen mit Wiesen und Klippen. Vielleicht gibt es dort Teiche mit grün-goldenen Boden aus glattem Stein, vielleicht spiegelt im Wasser eine Wildrose wider, die es am Ufer nicht gibt? Vielleicht rauscht im Gras und blubbert zwischen den Steinen ein Bächlein, vielleicht piepst ein winziges Küken und der Sommerwind pfeift auf den Grashalmen die Melodie der Stille mit? Dort herrschen immer ein sanfter, klarer Abend und die Hoffnung; nichts fängt an und nichts geht zu Ende. Es gibt das Tal. Zwischen den Felsen, wo wir weder in einer mondheller Nacht schliefen noch den Sonnenschein um Mittagszeit genossen, gibt es noch ein Platz, den wir nicht kennen. Kein Pfad führt dahin und keine Besonderheiten sind vom Weiten zu erkennen. Und trotzdem findet man ihn, sogar wenn man ihn nicht finden will.3. Machst du dich auf den Weg - hast du das Ziel schon erreicht... Bloß losgehen!- weißt du, ein Schiff… ich weiß, ein Schiff der gleichzeitig eine Karawane, ein Pferd und ein Hundezug, und das Meer eine Wüste, eine Steppe oder unendliche Schneeebene sein kann. Ich weiß, aus dem Höllenreich würde man den Teufel holen, wenn nur die Fesseln aus Telefon- oder Bügeleisenkabel, aus Zöpfen und aus den dümmsten Verpflichtungen loslassen würden. Das geschieht aber selten, deswegen wandere ich ohne Ruhm durch die gezähmte und der abenteuerlose Gegend; Kein Ross trägt mich, kein König schüttelt meine Hand, kein Meer betastet meine Füße, kein Berg wiederholt mein Echo. Ich lasse mich keiner Euphorie den Berg hinauf tragen, wo es näher dem Himmel als der Erde gibt. Denn ich gucke mir das nur an im Kino meiner Phantasie. Ich gehöre der Glühbirne, nicht dem Lagefeuer, der in den entfernten Träumen von langer Bergwanderschaft brennt. Bis ein Tag kommt und bis ich entdecke, dass ich mich durch mein geregeltes Leben ohne Weg und ohne Ziel von dem Gott meinen Träumen entfernt habe. Vorsicht, verpasse die Möglichkeit nicht, das Bord der erfüllten Träume zu betreten! Nein, nicht heute, morgen vielleicht. Heute spiele ich mit dem Schiff aus Papier...4. Selbst wenn du nur einen Spaziergang vorhast, bereite alles wie für eine lange Wanderung vor - es wird dich nichts überraschen.Wer sich auf den Weg macht, nimmt nur die beste, robuste, ausprobierte Ausrüstung mit. Die Wahl ist klar, die Kriterien sind scharf, nichts Unbrauchbares oder Schweres darf mit. Warum? Die mitgenommenen Gegenstände machen unseren Weg, erleben unsere Mühe mit, sie gewinnen unser Vertrauen und Beachtung. Damit sind sie mittendrin, verschließen in sich den Zauber und nach Jahren können sie in der Erinnerung jede Einzelheit in ihrem ganzen Glanz hervorrufen. Die Trennung von den ausgenützten Rücksäcken und verblichenen Jacken kommt uns nicht leicht. Mag das nach Draußen wie ein Sentiment aussehen, ist aber in der Wirklichkeit ein Zeichen der Treue. Die Sachen haben in dem Rücksack wegen dem prosaischen Grund ihren eigenen Platz: man muss die Ordnung schaffen, wenn man wandern will. Dieses Gesetz sagt, jedes Vornehmen in der Realität braucht Ordnung, um erfolgreich zu sein. Keine von den Freiheits- oder Chaostheorien sind in der rauen Wirklichkeit der Berge hilfsreich. Gerade hieraus, aus dem Berggipfel, erblicken und begreifen wir die Wichtigkeit der Ordnung für die menschlichsten Sphären der Welt, wie Ethik, Schönheitsgefühl und Religion.5. Keine Eile! Die Welt enthüllt ihren Reichtum erst wenn man sie langsam und genau betrachtet. Du erlebst mehr und kommst weiter.Morgengrauen mit Milchnebel - kaum sichtbare, noch dunkle Waldflecken, vereinzelte Insel von gelben Lichtungen, die Sonnenstrahlen, die sich langsam auf den blauen Himmel wie auf einem grauen Mantel verteilen. Dafür wandern wir mühsam. Wir durchqueren die Felder, laufen einen Pfad zwischen den steinigen Wegen entlang, durchdringen die nassen Wälder und lassen die Tautropfen auf uns fallen. Während den kurzen Pausen lassen wir unsere Lungen mit der klaren Luft der Umgebung, mit der Freiheit auffüllen. Auf die Berge soll man mit dem Herz schauen. Denn die Berge sind ein Altar, den wir nur im Gebet begreifen können - im Gebet der inneren Konzentration, Gedanken… im Gebet der Hymnen für den Schöpfer. Der Altar ist alles was uns umringt: die hölzernen Kirchen, die nach dem Wald riechen; die Kapellen, die von den Räubern in Beskiden gebaut worden sind; die Häuser und Hütten. Das Wandern zu den unbekannten Geistern des Berges füllt eine unglaubliche Stimmung, die es sonst nur in der Stille des gotischen Doms vorzufinden ist. Das Wandern ist wie ein ununterbrochenes Lesen aus dem uralten Buch der Natur, in dem die einzelnen Sätze mit dem traurigen Blick der Bildstocken und dem mit dem grünen Moos bedeckten Holzzaun erfasst sind, in dem die lyrischen Verse mit den Wildtierspüren getippt sind.6. Ersinne bei einer einsamen Wanderschaft, dass du nie alleine bist. Jemand war hier schon oder schreitet neben dir. Gleich reicht er dir seine Hand...Wo gehen wir lang? Jeder wandert woanders und bleibt trotzdem in der Nähe. Die Einen wandern entlang eines schmalen, steinigen Pfades bergab, die Anderen nehmen eine bequeme Straße. Wir entscheiden. Machen wir eine kurze Atempause am Scheideweg. Bloß nicht zu lange. Bloß nur um zu erkennen, warum wir hier lang gehen. Was wir mit uns tragen, ist manchmal unnötig. Wie frei würde man ohne den Gepäck gehen! Vielleicht kann jemand meine Last tragen? Nein. Wir wandern alleine. Du denkst: Quatsch! So viele überholen uns, so viele werden von uns überholt. Alleine aber werden wir am Ende des Weges, "beim Tor des Tales" alle Fragen des Schöpfers beantworten. Und er weiß bescheid, wie gut wir gewandert sind. Die Einsamkeit bedeutet aber kein Alleinsein. Die Wanderroute ist voll. Die Anderen stören uns, sind laut, wollen ständig etwas von uns. Damit ist es nicht leicht. Die Beine tun weh und der Weg führt bergauf. " Was ihr den Kleinsten von uns angetan habt…" Auch diesmal beiße ich die Zähne zusammen, reiche ich meine Hand, versuche zu lächeln. Und wie schwer ist der weitere Weg, wenn jemand, mit dem wir Hand in Hand gewandert sind, weggeht. Wenn er eine andere Route nimmt, hören wir vielleicht noch von weitem seine Begrüßung: "Hey", oder aber auch nicht. Und du hast weiter zu wandern, obwohl du bei jedem Schritt nach hinten schaust.7. Keine Sorgen, wenn du dich unterwegs verletzest. Verheimlich den Schmerz nicht, schäme dich nicht für deine Tränen. Das ist auch eine Art, die Welt zu erleben.Vielleicht stellst du keine Fragen mehr nach den Grund, wie ein Kind mit verwunderten Augen, das eine Ohrfeige bekam. Du weißt bescheid: wenn während einer Wanderschaft etwas Gutes passiert, kommt irgendwann ein Ausgleich: der Schmerz. Du hast das Folgenprinzip beobachtet: mal ist es eine wunderbare Zeit, wann die Sonne scheint, der Himmel blau oder der Nebel milchweiß glänzend ist. Die begegneten Menschen sind freundlich und du hast keine Zweifeln, dass es sich lohnt, schwitzend und außer Atem schrittweise den steilen Pfeil zu besteigen. Später kommt der Ausgleich, die schwierigen, mit Leiden überfüllten Momente. Die Welt ist grau, die Menschen scheinen uns die Wölfe zu sein. Du fühlst dich müde, lahm und alt. Nicht nur du. Nicht nur Heute. Es gibt keinen Weg, keine Route, keine Zeit, es gibt weder so großen Reichtum noch so elendes Armut, weder so anerkannte noch so erniedrigende Stelle, weder die Klugheit noch die Dummheit, die einen Mensch vor dem Leiden schützen konnte. Trotzdem schreite voran. Bleibe ruhig, die Wirklichkeit ist gewaltig, du wirst sie unmöglich während deiner ganzen Wanderschaft ausschöpfen.8. Wenn du umfällst, versuche alleine aufzustehen. Das hast du doch beim letzten Niedergang gelernt.In der Ferne zeichnen sich die geschneiten Gipfel ab, die den Stolz eines Adlers und die Dreistigkeit einer Gämse übersteigen. Sie schärfen bei uns die fiebrige Hoffnung ein und mildern den Schmerz mit einem neuen Zauber. Mit dem rauen, finsteren, strengen Zauber... Der krächzende Schrei des Adlers ist aber auch nicht mit dem hübschen Gurgeln des Truthahns vergleichbar, der jedoch nie den Himmel mit seinem Flug durchsegelt. Man muss hin, oder man muss sich unterwerfen und aufgeben. Und du beginnst die Reise. Ohne Fremdenhilfe. Keins hilft dem erschöpften Körper besser als die eigene Fähigkeit zum Überleben. Darum erwarte keine Medikamente, helfe dir selbst.9. Lächele der Welt entgegen, obwohl er manchmal mürrisch guckt. Die Welt freut sich, dass du den schwierigen Weg des Lebens alleine tapfer gehst.Jeder hat seinen vorgeschriebenen Weg, geplant von Anfang an bis zum Ende. Du selbst wirst sie verfrüht nicht kennen lernen oder ändern können. Du kannst nicht erraten, wo dein Leib sich ausruhen wird, du kannst weder den Schmerz, noch die Sorgen, noch das Unglück die dich erwarten, zu früh erkennen. Wenn du das Rätseln lösen konntest, würdest du Angst vor dem Leben haben. Ohne das Wissen hast du den Mut, vieles durchzustehen. Du hast die Hoffnung, den Glaube und die Lebensfreude... Wenn du aus dem Leben nur Armut und Leiden gepresst hättest, würde es unerträglich scheinen - was aber nicht stimmt. Schütze bloß dein Wohlbefinden, verderbe nicht die fröhliche Zeit mit dem Gedanke an das Schlimme und freue dich in der schlechten Zeit über Kleinigkeiten. Bloß nicht wehklagen, nicht jammern, nie zulassen, dich selbst lästig zu fallen. Gönne dir so viel, wie viel das würdige Leben verlangt und lebe mutig, ohne jeglichen Neid, ohne jeglichen Hass. Reiche die Hand deinen Mitmenschen ohne zu zögern und verliere die gute Laune nicht - so gewinnst du Freunde. Lache aus dir selbst, das ist besser als aller Trost. Genauso gut wie das Beten, wie das Träumen. Lächle am Ende des Weges, wenn du weißt, wo du hin musst.10. Wenn du irrst, suche nach neuen Wegen. Es gibt viele davon… Wenn der Weg zu schwierig ist - kehre zurück. Dafür ist es nie zu spät.Der Rückkehr aus der Höhe ist oft noch mühsamer als der Aufstieg selbst. Die Beine verlieren den Rhythmus und stolpern über den Unebenen. Die Seele, die noch am morgen so frisch und munter war, zwingt sich zu funktionieren. In dem beengten Bewusstsein findet sich immer weniger Platz für die hohen und fröhlichen Gefühle und die Unlust erfüllt das Herz mit der Traurigkeit. Es finstert. Leider. Durch die Nacht, die Stille und Kälte gehen wir aber zu dem Tagesanbruch durch. Die Erschöpfung erkennst du eben daran, dass du an Sonnenaufgang zweifelst. Der Rückkehr nach Hause bringt natürlich den Alltag mit und nach den Abenteuern scheint uns das Tägliche so prosaisch. Wenn du dich erholst, werden die Erlebnisse zur Erinnerungen und dadurch bleiben sie lebendig. Seit diesem Zeitpunkt wirst du die lange dabei haben, eine kleine, bestimmt nicht perfekte, aber eigene Offenbarung. In den schwierigen Momenten werden dir die Erinnerungen dazu bewegen, in einer Sache größeres Opfer zu bringen als das der Vernunft zulässt. Oder deine Begabungen um eine halbe Stufe zu überwinden. Oder auch zu glauben, dass man immer Hoffnung haben soll, sogar wenn die Begabung fehlt. Innerlich von der einsamen Bergwanderung gestärkt wendest du dich immer in der Richtung deiner Mitmenschen.1174
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